Boom verblüfft Experten – was sagen die Experten?

Hinweis: heute in der Stunde ab 16 Uhr sendet Radio Fritz des RBB ein kurzes Interview mit mir zum Thema Konjunkturprognosen, basierend auf meinem Oktopus Paul – Artikel. Wirklich spannend ist es aber eher nicht – “die irrtümliche Annahme der Normalverteilung wirtschaftlicher Prozesse” passt einfach nicht so gut zu dem Sender.

Das Fantastische am Prognostizieren ist, dass Prognosen in den seltensten Fällen wirklich überprüft werden. Irgendwie schaut man zwar immer interessiert die Wettervorhersage, bemerkt am nächsten Tag aber nicht, wenn sie daneben lag. Auffällig sind die Fehler nur, wenn man wirklich mal sein Handeln an der Vorhersage orientierte, also zum Beispiel zum Grillen einlud, was dann im Regen endete. Daran wie selten sowas passiert erkennt man einerseits, dass Wettervorhersagen inzwischen ganz gut geworden sind. Andererseits aber, dass sie für die meisten mehr Unterhaltung als Information darstellen. Jacke/keine Jacke? Das entscheidet man immer noch mit dem Blick zum Himmel oder der Hand im Fenster.

Gelegentlich ist der Unterschied zwischen Prognose und Realität aber so gewaltig, dass man gar nicht umhin kommt, ihn zu bemerken. Ausgerechnet im Sommerloch passiert das nun gerade den armen Wirtschaftsforschungsinstituten. Mit der Überschrift “Boom verblüfft Experten” vermeldet Spiegel Online gerade das unerwartet hohe Wirtschaftswachstum von 2,2% im zweiten Quartal. Zusammen mit den 0,5% des ersten Quartals hat die Wirtschaft somit bereits jetzt fast das Doppelte des im Gemeinschaftsgutachten für 2010 prognostizierte Wachstums von 1.5% geschafft und könnte den Rest des Jahres mal etwas ruhiger angehen lassen.

Bei der Prognose von 1.5% handelt es sich nichtmal um eine der langfristigen Prognosen aus 2009, sondern um die aus dem Frühjahrsgutachten 2010. Dieses wurde im April veröffentlicht, als das jetzt vermeldete Wirtschaftswunderquartal also bereits begonnen hatte. Prognosen sind schwer, besonders wenn sie die Zukunft voraussagen? Die Wirtschaftswissenschaften scheinen schon mit der Gegenwart so ihre Probleme zu haben.

Die Kaffeesatzwissenschaften profitieren dann aber wieder von einem anscheinend kollektiv gestörten Kurzzeitgedächtnis. Im oben genannten Spiegel-Artikel wird das Erstaunen der Auguren, also die Erkenntnis über deren Fehleinschätzungen, zwar in Überschrift und Einleitung genannt. Im zweiten Absatz dürfen ebendiese Experten dann aber wieder neue Prognosen abgeben. Ohne jede kritische Hinterfragung.

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