Ben Goldacre vs. Gillian McKeith

Der Kampf der Vernunft gegen die Hömöopathie füllt nicht nur das deutsche Blogsommerloch, sondern inzwischen auch das englische. Die Debatte ist dort schon etwas weiter entwickelt und schließt auch unzählige Anbieter von Vitaminpillen, Fischölen und ähnlichem ein. Zu verdanken ist das vor allem dem Arzt und Guardian-Korrespondenten Dr. Ben Goldacre, der mit seinem Buch Bad Science quasi die Bibel der Skepsis gegenüber den Heilsversprechen alternativer Medizin geschrieben hat – angefangen mit dem meist harmlosen Schrott wie Homöopathie und Chiropraxis bis hin zum gefährlichen Unsinn wie den Vitaminpillen gegen Aids des Matthias Rath. Auch die Pharmabranche kommt nicht unbedingt gut weg.

Eines der Kapitel beschäftigt sich mit Gillian McKeith, oder, um ihren vollen wissenschaftlichen Titel zu verwenden, “Gillian McKeith”. Denn Gillian McKeith verwendet zwar gerne einen Doktortitel, hat diesen aber an einer amerikanischen “Fernuniversität” gekauft, der mittlerweile die Zulassung entzogen wurde.

Gillian McKeith verkauft eine ganze Reihe lustiger Produkte die auf ebenso lustigen Theorien beruhen. So vertritt sie vehement eine These zur heilenden Kraft von Chlorophyll, des photosynthetisch wirkenden Pflanzenpigments. Insbesondere im Darm soll Chlorophyll wahre Wunder vollbringen, obwohl die Sonne da ja eher selten scheint. Überhaupt pflegt sie eine gewisse Obsession mit den tieferen Darmregionen.

Nun ist Gillian McKeith auch auf Twitter aktiv. Oder zumindest eine Person, die dort die erste Person singular verwendet. Der Account war auch auf offiziellen Webseiten von “Dr.” Gillian McKeith verlinkt. Heute taucht der Link nur noch auskommentiert im Quelltext auf, denn die “poo lady”, wie sie wegen oben genannter Obsession auch genannt wird, will nicht mehr unbedingt mit den bei Twitter geschriebenen Worten assoziiert werden.

Es begann mit einem “Tweet” von Rachel Moody, die eben beschriebenes Kapitel über McKeith gelesen hatte. In einer schönen Demonstration des Prinzips, in emotional aufgeregten Zuständen die Tastatur besser nicht anzufassen, antwortete McKeith (oder vielleicht auch eine dafür beschäftigte PR-Agentur) daraufhin mit einer Reihe von Beschimpfungen gegen Moody. Auch Ben Goldacre bekam seinen Teil ab: “How sad a life to enjoy reading lies about another by an ass who makes money from pharmaceutical giants”.

Und nun beginnt der spannende Teil dieses Sommerloch-Stürmchens. Ben Goldacre gehört nämlich zur wachsenden Zahl britischer Wissenschaftler und Journalisten, die eine Reformierung der abstrusen Verleumnungsgesetzgebung (Libel) anstreben. Diese Gesetze bzw. Urteile werden regelmäßig verwendet, um kritische Stimmen in der Wissenschaft zum schweigen zu bringen. Ein gutes Beispiel ist Simon Singh, der neben seinem bekannten Buch über den Satz von Fermat auch eines über Chiropraktiker schrieb, dafür vom entsprechenden Verband verklagt wurde, und erst nach mehreren Jahren und hohen Rechtskosten wieder behaupten darf, dass Manipulation der Wirbelsäule nicht das Mittel der Wahl zur Krebsbekämpfung sein sollte.

Der Spieß ist in diesem Fall mal andersrum – es ist Dr. Goldacre der beleidigt bzw. verleumdet wurde. Der Fall ist recht eindeutig, denn “ass” ist auch im Englischen selten ein konstruktiver Diskussionbeitrag. Auch mit “Lügner” verliert man ziemlich sicher, denn dafür muss man nicht nur eine falsche Behauptung nachweisen, sondern auch den expliziten Willen, die Unwahrheit zu sagen.

Aber natürlich zögert Goldacre nun, ein Recht zu nutzen, das er bekämpft. Auch wenn die plumpe Anklage “Lügner” und “Arschloch” nicht unbedingt den Fällen entspricht, in denen sich Quacksalber gegen die kritische Auseinandersetzung mit ihren Methoden wehren. Erstmal verlangt er nur die in Deutschland gebräuchliche Gegendarstellung: “Bad Science by Ben Goldacre is not lies”, bei Twitter. Mal sehen, ob “poo lady” über ihren (Chlorophyll-)Schatten springen kann.

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