Ein Artikel – Zwei Innovationsmethoden

In der Kategorie die mit “Wissenschaft” betitelt ist, sich meist jedoch nur mit neuen Fahrwerken von AUDI oder mal wieder dem “echten Jesus Christus” beschäftigt, ist im aktuellen Spiegel ein guter Artikel, der nebenbei ganz wundervoll die Unterschiede der Europäischen zur US-Wissenschaft aufzeigt.

Das Thema: Software, die natürlich gestellte Fragen verstehen und beantworten kann. Der amerikanische Ansatz ist “Watson”, ein IBM-System das im Herbst publikumswirksam bei Jeopardy mitspielen soll, so wie einst Deep Thought Blue Kasparov im Schach besiegte (woraufhin erstmal kollektiv die Kriterien für jetzt-aber-wirklich-ECHTE Intelligenz verschoben wurden).

Europa: ALEXANDRIA, ein Unterpunkt des Unterpunktes “Anwendung” des Bundesforschungsministerium-”Leuchtturmprojektes” THESEUS, welches eine Abspaltung des Projektes “Quaero” ist, mit dem Jaques Chirac einst beweisen wollte, dass Frankreich besser ist als Google. Und überhaupt. Lernt erstmal Griechisch, dann schauen wir mal, wer hier WISSENSCHAFT betreibt.

Welches System nun besser ist – und ob man sie überhaupt vergleichen kann – kann ich nicht entscheiden, möchte aber erwähnen, bereits vor ca. fünf Jahren in der gleichen Zeitschrift von dem gleichen Problem las: einem Computer “beizubringen, dass Menschen zwar oft in Häusern, Häuser aber eher selten in Menschen sind”.

Der Unterschied im Stil ist jedoch offensichtlich. Hier das privat finanzierte, gut vermarktete aber eben auch mit einem konkreten inhaltlichen und zeitlichen Ziel unternommene Projekt. Auf der anderen Seite das verschachtelte Top-Down Staatsprojekt, dass “in drei Jahren” soweit sein soll. Das als me-too Projekt einer Nation entstand, die vom fehlenden accent grave bei google gekränkt war. Das nach fünf Monaten bereits zerfiel, aber aus politischen Gründen nicht zerfallen durfte. Zitat Wikipedia: “Theseus und Quaero ergänzen sich komplementär und sind eng über regelmäßig tagende Arbeitsgruppen verzahnt.” Seufz.

Die Fotos des Artikels erzählen die ganze Geschichte. IBM Wissenschaftler vor einem chaotischen Whiteboard, ein gut ausgeleuchteter schwarzer IBM-Server und das professionelle Jeopardy-Set von der amerikanischen Seite. Aus Deutschland sehen wir das “Theseus-Innovationszentrum”, wo sich anscheinend das mittlere Management der AOK in die Flachbildschirmaustellung von Saturn verlaufen hat.

Anders als beim Schachduell 1997 ist natürlich nicht alles Schwarz-Weiß. Auch in Deutschland gibt es mit “Sempria” ein privatwirtschaftliches Projekt – wenn auch eines pensionierten Professors der anscheinend ebenfalls Fan toter Sprachen ist. Und die Amerikaner haben ihre wirklich innovativen Ideenschmieden wie Xerox Parc oder Bell Labs längst besseren Quartalszahlen geopfert. Trotzdem entstehen in den USA noch immer aus Universitäten oder Privatunternehmen heraus echte “Leuchttürme” wie Wolfram Alpha oder eben Google. Wie man das passende Klima dafür erzeugt, weiß ich nicht. Einen Leuchtturm von oben und hunderte Kilometer vom Meer entfernt zu konstruieren bringt es jedoch nicht.

Und jetzt wieder an die Arbeit… Das Sixth EU Framework Programme for Research and Technological will die Bücher prüfen und ich muss noch die Inventarnummern auf den Bällen in den Mäusen abgleichen.

Ein Kommentar

  • guybrush wrote:

    “Und jetzt wieder an die Arbeit… Das Sixth EU Framework Programme for Research and Technological will die Bücher prüfen und ich muss noch die Inventarnummern auf den Bällen in den Mäusen abgleichen.”

    Wobei gerade diese Bürokratie bei IBM sehr stark ausgeprägt ist. Früher hatte jedes kleinste Teil eine eindeutige Seriennummer und wenn man ein paar Bleistifte wollte, musste man erstmal die Kostenstelle angeben.

    Bei meinem Praktikum musste ich damals mit 3 Mitpraktikannten über eine Woche hinter Leuten hinterherlaufen, damit wir Mäuse für unsere Laptops bekamen.