Italienisches Erdbeben nicht prognostiziert: Totschlagsanklage gegen Geologen

Am 6. April des letzten Jahres kam es im italienischen L’Aquila zu einem schweren Erdbeben. Durch die Erdstöße kamen über 300 Menschen ums Leben und fast 70.000 wurden obdachlos. Da die Erdbebengefahr bekannt und fast überall in Italien hoch ist, gab es bereits vor dem Beben Bemühungen, den Zivilschutz zu verbessern und die Risiken zu mitigieren, beispielsweise in der “Commissione Grandi Rischi”, der Kommission für hohe Risiken. Einige der darin organisierten Wissenschaftler sowie Offizielle des Katastrophenschutzes sind nun durch die lokale Staatsanwaltschaft in L’Aquila des Totschlags angeklagt. Der Vorwurf: sie hätten das Erdbeben nicht vorhergesagt.

An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass eine auch nur halbwegs genaue Vorhersage von Erdbeben zur Zeit noch absolut unmöglich ist. Lediglich Vorhersagen über die Wahrscheinlichkeit von Erdbeben einer gewissen Stärke über einen Zeitraum von Jahrzehnten scheinen in der Wissenschaft halbwegs akzeptiert, und auch dies nur in besonders gut erforschten Gebieten wie dem kalifornischen St. Andreas Fault. Selbst wesentlich verbesserte Vorhersagen würden immer noch zu einer hohen Anzahl falscher Warnungen führen. Aber bei der Schweinegrippe konnten wir ja leider gerade erfahren, wozu selbst wissenschaftlich legitime Warnungen führen: die Wissenschaftler werden bedroht, der Korruption beschuldigt und bei zukünftigen Warnungen wohlmöglich nicht mehr ernst genommen. Bei einer falschen Erbebenwarnung, mit dann wohl großflächigen und wochenlangen Evakuierungen wäre der Schaden für die Wissenschaft wohl noch größer.

Natürlich hält die Unmöglichkeit solcher Warnungen einige Quacksalber nicht davon ab, sie doch auszusprechen. Im italienischen Fall war dies Gioacchino Giuliani, ein Labortechniker, der überzeugt ist, Erdbeben durch eine erhöhte Radonemission des Bodens vorhersagen zu können. Einige Tage vor dem Beben wandte er sich tatsächlich an den Bürgermeister, wurde von diesem jedoch ignoriert bzw. gezwungen, seine Vorhersage nicht weiter zu verbreiten. Das hört sich natürlich nach einer richtig guten Verschwörungstheorie an, wodurch wohl auch der Druck der Medien auf die Staatsanwaltschaft entstand. Bei Licht betrachtet lag die Vorhesage natürlich (a) immerhin 55km daneben und war (b) einfach Glück. Die Idee, durch Radonanomalien Erbeben vorherzusagen wird von der Wissenschaft keineswegs ignoriert, sondern bereits seit über 30 Jahren untersucht. Wenn man wegen jedem Weltuntergangspropheten die Stadt räumte, wäre nach der Anzahl an Spinnern, die ich in der U-Bahn treffe, Berlin die Hälfte der Zeit menschenleer.

All das bedeutet nicht, dass die Wissenschaft Erbeben gegenüber machtlos ist. Die Mittel der Wahl sind jedoch die Bestimmung langfristiger Risikogebiete, wie sie auf der abgebildeten Karte eingezeichnet sind, sowie die Entwicklung erdbebenresistenter Konstruktionsmethoden. Tagesgegenaue Erdbebenvorhersagen sind noch Zukunftsmusik, und Strafverfolgung kein Weg sie zu erzwingen. Wer diese Meinung teilt, kann auch eine Petition unterzeichnen.

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